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Demokratie und KI: Wie sich politische Teilhabe verändert

Ein Video, das nie aufgenommen wurde. Eine politische Botschaft, die für jede Person anders formuliert ist. Eine Behörde, die zehntausende Stellungnahmen innerhalb weniger Stunden auswertet. Alle drei Beispiele zeigen, wie tief Künstliche Intelligenz bereits in den öffentlichen Raum eingreift.

Dabei trifft die Technologie auf demokratische Systeme, die vielerorts schon vor dem Aufstieg generativer KI unter Druck standen. Laut dem V-Dem Democracy Report 2026 ist das Demokratieniveau für die durchschnittliche Weltbürgerin und den durchschnittlichen Weltbürger auf den Stand von 1978 zurückgefallen. Nur noch rund sieben Prozent der Weltbevölkerung leben demnach in liberalen Demokratien. Die Meinungs- und Informationsfreiheit verschlechterte sich bis 2025 in 44 Ländern.

Demokratien und Autokratien weltweit (1789 – 2025)

Demokratie, KI und die Macht der Plattformen

Eine funktionierende Demokratie braucht mehr als regelmäßige Wahlen. Sie braucht ebenso eine gemeinsame Informationsgrundlage, nachvollziehbare Entscheidungen, unabhängige Medien, überprüfbare Macht und reale Möglichkeiten zur Beteiligung. Genau an diesen Punkten kann generative KI bestehende Spannungen verstärken – oder neue Möglichkeiten eröffnen.

Anders als frühere digitale Technologien verteilt generative KI Informationen nicht nur, sie kann Inhalte selbst erzeugen, übersetzen, variieren und auf bestimmte Zielgruppen abstimmen. Die Frage mit Blick auf die Qualität und Zukunft der Demokratie lautet:

Was geschieht, wenn sich generative KI auf Social-Media-Plattformen verbreitet, deren Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit, Personalisierung und algorithmischer Verstärkung beruht?

Generative KI senkt die Kosten für synthetische Inhalte, Deepfakes und personalisierte Botschaften. Entscheidend bleibt aber, welche Inhalte Sichtbarkeit erhalten – diese Entscheidung treffen oft Empfehlungsalgorithmen.

Hass, Angst und Empörung werden zu Reichweitensignalen in einem System, das Aufmerksamkeit monetarisiert. Besonders problematisch sind Plattformen, die Interaktion maximieren und dadurch extreme oder schädliche Inhalte verstärken.

Wenn politische Kommunikation für jede Person anders aussieht, verschwindet die gemeinsame demokratische Bühne. An ihre Stelle tritt ein Markt personalisierter Beeinflussung. Wenige Unternehmen kontrollieren dabei Rechenleistung, Daten, Cloud-Infrastrukturen und Basismodelle. Kennzeichnungen für KI-Inhalte sind wichtig, reichen aber nicht. Es braucht nachvollziehbare Herkunftsnachweise, unabhängigen Journalismus und klare Verantwortung dafür, wie politische Inhalte verbreitet werden.

Plattformen als Räume demokratischer Beteiligung

Digitale Plattformen können die demokratische Öffentlichkeit auch erweitern. Sie geben Menschen Zugang zu politischen Informationen, ermöglichen den direkten Austausch mit Behörden und schaffen neue Wege, sich an gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen. Stimmen, die in klassischen Medien oder politischen Institutionen wenig Gehör finden, können dadurch sichtbarer werden.

KI kann dieses Potenzial verstärken. Sie kann politische Inhalte in verschiedene Sprachen übersetzen, komplexe Vorlagen verständlich zusammenfassen und Nutzerinnen und Nutzern passende Hintergrundinformationen zur Verfügung stellen. So entsteht die Möglichkeit, mehr Menschen einzubeziehen und politische Beteiligung auch jenseits von Wahlen zu erleichtern.

Auch die große Reichweite von Plattformen kann der Demokratie dienen: für politische Bildung, unabhängigen Journalismus oder die Mobilisierung zivilgesellschaftlicher Initiativen. Voraussetzung ist, dass nachvollziehbar bleibt, warum bestimmte Inhalte angezeigt werden, wie KI eingesetzt wird und wer für Fehler oder Manipulation verantwortlich ist.

Globalance View

Ethikrahmen statt Tech-Euphorie

In erster Linie sind diese technologischen Entwicklungen für Bürgerinnen und Bürger in ihrer Rolle als Souverän eine Herausforderung. Aber auch Anlegerinnen und Anleger spielen eine wichtige Rolle. Sie müssen sich die Frage stellen, ob sie unkritisch in alle Tech-Unternehmen investieren wollen, oder ob sie deren Verantwortungsbewusstsein vorgängig prüfen. Dieses lässt sich nicht allein mit klassischen ESG-Kennzahlen oder Datenschutzrichtlinien beurteilen. Es braucht Ethik- und Menschenrechtsrahmen, die Geschäftsmodell, Governance, Produktdesign und gesellschaftliche Folgen zusammen betrachten.

Ein solcher Rahmen verschiebt die Investorenfrage: Aus «Ist ein Unternehmen ein KI-Gewinner?», wird «Ist sein digitales Geschäftsmodell mit demokratischer Resilienz vereinbar?» Relevante Prüffelder sind Datenschutz, Informationsmacht, Inhaltsintegrität, Schutz vulnerabler Gruppen, Verantwortung für KI-Systeme, Lieferkettenstandards sowie Governance, Beschwerdewege und Transparenz. Diese Logik entspricht auch dem Globalance Tech-Ethics-Framework.

Wir erwarten keine perfekte Technologie und keine fehlerfreie Wirkung. Aber wir erwarten, dass zentrale Risiken erkannt, begrenzt und transparent adressiert werden.

Um das anhand von Beispielen zu verdeutlichen: ein Unternehmen wie Meta (Facebook, Instagram und WhatsApp) erfüllt solche Mindeststandards nicht.

«Unternehmen tragen auf unterschiedliche Weise zur demokratischen Resilienz bei. Bei digitalen Plattformen und KI-Anbietern geht es unmittelbar um Informationsräume, politische Meinungsbildung und den Schutz vor Manipulation. Bei Infrastrukturunternehmen steht die Frage im Vordergrund, ob demokratische Gesellschaften Zugang zu sicheren und verantwortungsvoll entwickelten Schlüsseltechnologien behalten. Wo die Mindestqualität erkennbar ist, kann Kapital Entwicklung ermöglichen. Wo sie fehlt, braucht es Zurückhaltung, Dialog und klare Erwartungen über Stimmrechte und Active Ownership.»

Peter Zollinger – Leiter Impact Research

Best Practices aus dem Portfolio

Microsoft ist dafür ein wichtiges Beispiel aus dem Globalance-Portfolio. Die Cloud-, Software- und KI-Systeme des Unternehmens werden von Behörden, Medien, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen genutzt. Das Unternehmen ist systemrelevant und risikobehaftet: Marktmacht, Lobbying, Datenschutz, staatliche Nutzung und generative KI müssen laufend beurteilt werden. Gleichzeitig verfügt Microsoft über weit entwickelte Responsible-AI-Regeln, publiziert Transparenzberichte und beteiligt sich an Herkunftsnachweisen digitaler Inhalte. Für Globalance ist Microsoft deshalb kein unkritischer «KI-Champion», sondern ein Unternehmen, bei dem Wirkung, Kontrolle und aktiver Dialog zusammengehören.

ASML zeigt eine andere Form von Best Practice. Das Unternehmen ist kein Social-Media-Akteur und verdient nicht an algorithmischer Empörung. Als Schlüsselunternehmen der Halbleiterwertschöpfung ermöglicht ASML jene Rechenleistung, auf der Digitalisierung und KI beruhen. Deshalb sind Governance, Energieeffizienz, Lieferkettenverantwortung und Responsible-AI-Prinzipien zentral. Für Globalance ist dies digitale Infrastruktur mit positiver Zukunftsrelevanz – sofern ökologische und menschenrechtliche Risiken konsequent gemanagt werden.


Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und stellt weder eine Anlageempfehlung noch eine Beratung dar.

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