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Mensch ärgere dich nicht

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Wenn die Welt sich weiterdreht

Sieben-Tage-Inzidenz, Reproduktionszahlen und Herdenimmunität – unsere imaginären Vokabelhefte haben sich im Laufe des letzten Jahres zusehends mit exotischen Fachbegriffen aus der Virologie gefüllt. Doch bei genauerem Hinsehen müssten wir in unserer Fremdwörter-Enzyklopädie von 2020 auch Bezeichnungen wie Genschere Crispr / Cas9, mRNA-Technologie oder Remote Working entdecken – mutmaßlich in der Rubrik „Chancen und Stimmungsaufheller“ abgelegt.

Noch versperrt uns die Corona-Krise die Sicht auf das, was kommt, allerdings erspähen wir schon die Wachablösung von Lethargie hin zu Lebensfreude, spüren die ersten Sonnenstrahlen des Aufbruchs und deuten die Geschehnisse der Vergangenheit.

Werden wir noch älter?

Aus Mist gedeihen die schönsten Blumen und nach schweren Zeiten sprießen Hoffnung und Zuversicht. Allen Grund zum Optimismus weckt der wissenschaftliche Fortschritt der Medizin. Der Healthcare-Bereich wächst in den kommenden Jahren mindestens doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft – zweifelsohne angetrieben von der demografischen Entwicklung. Nicht verwunderlich, denn bis 2050 wird sich die Zahl der über 60-Jährigen verdoppelt haben. Doch wo führt uns die Fülle an Innovationsschüben der Medizin noch hin? Die Ammenmärchen vom „ewigen Leben“ schieben wir mal mit einem Lächeln beiseite, aber von einer kontinuierlich steigenden Lebenserwartung und einem gesünderen Altern ist auszugehen. Schließlich erwarten uns medizinische Lichtblicke en masse.

Medizinische Lichtblicke en masse

Die Biotechnologiebranche setzt zum Quantensprung an, bietet uns Menschen künftig völlig neue Behandlungsformen und selbst die Umwelt könnte profitieren. So ermöglicht die außergewöhnliche mRNA-Technologie von BioNTech, Moderna oder CureVac dem menschlichen Körper, eigene Arzneien herzustellen. Neuartige Werkzeuge wie die Genschere Crispr / Cas9 könnten in Zukunft helfen, Krankheiten zu besiegen – nicht umsonst wurden die Erfinderinnen im Corona-Jahr hierfür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Auch andere Verfahren der Genchirurgie versprechen die Heilung einiger Erbkrankheiten und könnten in der Pflanzenzüchtung und Herstellung von Biokraftstoffen eine wesentliche Rolle spielen. Inmitten der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ steuern wir weiter in Richtung „Vision Zero“ in der Onkologie und Tumoren wird mit personalisierter Medizin sowie molekular gesteuerten Therapien der Kampf angesagt. Und dann gibt es da noch das Bioprinting, vorangetrieben vom schwedischen Unternehmen CELLINK, das in Zukunft Nieren oder Lebern drucken möchte und Organspenden obsolet machen könnte. Rosige Aussichten für unsere Gesundheit.

In 5 Jahren werden 6 von 10 Menschen in Berufen arbeiten, die es heute noch nicht gibt.

Was uns die Pandemie noch lehrte

Die Pandemie hat die meisten von uns unvermittelt zur großen Generalprobe des Stückes „Vom Büro ins Homeoffice“ eingeladen, rasant den Vorhang geöffnet, ohne zu wissen, ob die Intendanten zufrieden sein werden und alles mit einem Happy End endet. Doch die Uraufführung wurde mit Bravour gemeistert und das Stück wird auch in Zukunft fest ins Programm integriert. Videokonferenzen und Bildschirmfreigaben via Zoom sowie Intranet- und Chat- Funktionen à la Microsoft Teams ermöglichen das Arbeiten von zu Hause aus und nach der Pandemie gar über verschiedene Kontinente und Zeitzonen hinweg.

Remote Working dank technologischen Fortschritts – gekommen, um zu bleiben?

Der Trend „New Work“ mit seinen digitalen Nomad*innen und Freelancer*innen existiert nicht erst seit gestern, aber seit Kurzem haben wir die Gewissheit, dass es funktioniert! Optimistische Ausblicke für flexibles Arbeiten, Zeiteinsparung und ortsungebundene Zukunftsplanung. Doch auf lange Sicht dreht sich die Arbeitswelt noch schneller.

Schöne neue Arbeitswelt?

Laut den Oxford-Forschern Carl Frey und Michael Osborne verlieren die am weitesten entwickelten Länder in den nächsten 25 Jahren 47 Prozent ihrer Jobs. Bereits in fünf Jahren werden sechs von zehn Menschen in Berufen arbeiten, die es heute noch nicht gibt. Wird die Arbeitswelt grundlegend umgekrempelt und erkennen wir sie in Zukunft überhaupt noch wieder? Einiges deutet darauf hin. Die OP-Roboter des US-Unternehmens Intuitive Surgical können bereits eine Weintraube mit einem Skalpell häuten und diese anschließend wieder akkurat annähen – ohne die Frucht zu beschädigen.

Schenkt man dem deutschen Philosophen Richard David Precht Glauben, dann wird die künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt auf den Kopf stellen und die vierte industrielle Revolution könnte durchaus auch die besser Ausgebildeten treffen. Laut Precht wird die Beschäftigung künftig nicht konstant bleiben und er plädiert dafür, bereits jetzt Lösungen für diesen Umbruch zu finden. „New Work“-Expert*innen erkennen heute schon die Verwandlung von traditionell gewachsenen Hierarchien hin zu flexiblen Organisationsstrukturen und Netzwerken.

Die gewonnene Zeit, welche uns die Automatisierung bringt, soll mit Eigeninitiative für das Unternehmen genutzt werden. Der kreative Output dieser Netzwerk-Teams könnte das neue Kapital der Firma sein. Um dieses kreative Potenzial der Mitarbeiter*innen fernab der künstlichen Intelligenz ausschöpfen zu können, müssen sich einige Unternehmen neu orientieren und die Führungsstrukturen aufbrechen. Lebenslanges Lernen, Weiterbildungen und wandelnde Tätigkeiten werden für die jüngeren Generationen in Zukunft treue Begleiter sein. Welche Chancen diese Veränderungen bereithalten, ob wir mehr Zeit für soziales Engagement erhalten oder eine Umschulung zum Big-Data-Analysten machen, bleibt abzuwarten.

Gründe für Optimismus

  • Kontinuierliche Fortschritte der Medizin (in wohlhabenden Ländern)
  • Pandemiebedingter Quantensprung in der Digitalisierung der Arbeitswelt
  • Offenheit und Bereitschaft, große Herausforderungen anzugehen

Gründe für Pessimismus

  • Beschleunigung der Arbeitswelt überfordert viele
  • Ungleiche geografische Verteilung der Vorteile einer flexibleren Arbeitswelt
  • Soziale Medien führen zu neuen Abhängigkeiten

Die Globalance-Sicht

Der Zugang zu Medizin, Wissen, Bildung und Technologie wird weltweit besser, ebenso die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen des technologischen Wandels.