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Umdenken für unsere Kinder

Bildung im digitalen Zeitalter

Wie bereiten wir unsere Kinder für die Welt von morgen vor? Was müssen wir Menschen in Zukunft noch können, wenn Maschinen immer mehr menschliche Arbeit ersetzen? Sollte die Schule digitaler werden oder lieber auf Altbewährtes setzen? Unter Pädagog*innen ist die Grundsatzfrage entbrannt, wie die Schule heute umdenken muss, um fit für morgen zu sein. Die Digitalexpertin und Dozentin Dr. Sarah Genner hilft uns beim Einordnen der Debatte und gibt einen Ausblick.

«Bitte stellen Sie Ihre Kamera wieder ein, Dominik», ermahnt die Lehrerin zum wiederholten Male den Schüler während des Fernunterrichts über Microsoft Teams. Die Kamera geht an und man sieht einen Schüler im Trainingsanzug auf einem Bett liegen. Auch wenn der Umgang im digitalen Klassenzimmer zuerst noch geübt werden musste — etwas Positives hat die Corona-Pandemie: Schulen haben wohl oder übel viel Erfahrung mit digitalen Tools gesammelt.

Die Pandemie zeigte im Bildungsbereich, wo die Reise hingehen könnte, wenn wir von digitaler Schule sprechen. Und dennoch ist vieles von diesem notfallmäßig umgestellten digitalen Fernunterricht nicht das, was sich viele unter Schule im digitalen Zeitalter vorstellen. Wo setzen wir in Zukunft den Fokus, wohin soll sich die Schule entwickeln? «Niemand weiß im Detail, welche Kompetenzen und Werthaltungen in Zukunft für ein gelingendes Leben und einen sicheren Arbeitsplatz zählen, und schon gar nicht im Einzelfall», sagt die Digitalexpertin Dr. Sarah Genner. Ihr Spezialgebiet sind die Auswirkungen digitaler Technologien auf uns Menschen, auf die Gesellschaft und die Arbeitswelt.

Das Skill-Set für die Berufe von morgen

Sarah Genner hat aus insgesamt 26 Modellen und Auflistungen rund 100 Skills und Kompetenzen analysiert und zusammengefasst. Diese Aggregation gibt Aufschluss über die aktuelle Diskussion zur Entwicklung des Bildungssektors sowie einen Anhaltspunkt, wo es tatsächlich Entwicklungspotenzial gibt.

Die Wissenschaftlerin findet drei Kompetenzcluster, die immer wieder genannt werden und welche für die Entwicklung des Bildungssektors wichtig sind:

Selbst-Kompetenzen:
Selbstreflexion, Selbststeuerung, Selbstorganisation, Selbstdisziplin etc.

Soziale Kompetenzen: Kommunikation, Kollaboration, Teamfähigkeit, Beziehungspflege, Empathie, Umgang mit Diversität etc.

Analytisches Denken:
Problemlösung, kritisches
Denken,
Kreativität etc.

Sarah Genners Modell basiert auf den drei Säulen «Fachliche Kompetenzen », «Soziale Kompetenzen» und «Persönliche Kompetenzen». Digitale Kompetenzen sind jeweils Teil jeder einzelnen Säule, was die Durchdringung der Digitalisierung durch alle Gesellschaftsbereiche widerspiegelt. Interessant ist auch der Einbezug von Grundwerten wie Respekt, Verantwortlichkeit, Selbstwert oder Geduld. «Wenn die Verankerung in Werthaltungen nicht gegeben ist, dann wirken sich Kompetenzen in einem gesamtgesellschaftlichen Sinne nicht unbedingt positiv aus», sagt die Schweizer Digitalexpertin dazu.

Verankerte Werte sind zentral für unsere Kompetenz-Entwicklung.

Gute Bildung in digitalen Zeiten

Das Modell zeigt prägnant auf, wie wichtig es ist und sein wird, dass sich die Schule nicht nur auf die Vermittlung fachlicher Kompetenzen konzentriert. Soziale und persönliche Kompetenzen sind genauso gefragt, aus welchen sich Persönlichkeitseigenschaften wie Resilienz, Teamfähigkeit oder Flexibilität ergeben. Letztere sei besonders wichtig, sagt Genner: «Es ist eine Binsenwahrheit, dass lebenslanges Lernen in Zeiten schnellen Wandels von Vorteil ist, gerade weil wir vermutlich manche künftig notwendigen Kompetenzen noch gar nicht voraussehen können ». Damit spricht sie die Weiterbildung nach der Ausbildung an. Die zunehmende Auswahl an CAS, MAS und ähnlichen Angeboten spiegelt dies wider. Schulen sollen Kinder und Jugendliche in den nötigen Grundkompetenzen stärken. Natürlich ist das Nutzen digitaler Tools im Unterricht sinnvoll und hilft, gewisse digitale Kompetenzen zu vermitteln. Dennoch ist für die Digitalexpertin klar: «Wir brauchen in erster Linie gute Bildung im digitalen Zeitalter. Wer sich isoliert auf digitale Kompetenzen stützt, kommt nicht weit.»

Dr. Sarah Genner

Freischaffende Medienwissenschaftlerin, Digitalexpertin und Keynote-Speakerin

Dr. Sarah Genner doziert an zahlreichen Hochschulen wie den Universitäten Basel und St. Gallen oder der ETH und schreibt regelmäßig zu Digitalthemen für die «Neue Zürcher Zeitung». Im Rahmen der Globalance-Eventreihe «Der Footprint bewegter Frauen» hat Dr. Sarah Genner ein viel beachtetes Referat zum Thema «Megatrend Bildung» gehalten.