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China nach Trumps Rückkehr: Reformen, Risiken – und neue Chancen

Chinas Wirtschaft stabilisiert sich, die Politik öffnet sich – und die US-China-Beziehung prägt die Weltordnung. China-Experte Markus Herrmann Chen ordnet ein, was das für Anlegerinnen und Anleger und Europa bedeutet.
Markus Herrmann Chen ist China-Experte und Mitgründer der China Macro Group in Zürich, München und Beijing. Er berät Unternehmen, Regierungen und internationale Organisationen zu chinesischer Politik, Wirtschaft und Regulierung.
Herr Herrmann Chen, viele westliche Anlegerinnen und Anleger haben China in den letzten Jahren gemieden. War das berechtigt?
Diese Zurückhaltung ist zwar nachvollziehbar – sie zeigt aber vor allem, wie weit Anlegersicht und Realwirtschaft auseinanderliegen können. Chinas Wirtschaft ist kaum über Aktienmärkte finanziert; viele Unternehmen sind gar nicht börsenkotiert, und es gibt nur wenig englischsprachige Analysen zu chinesischen Aktien. Deshalb ist der Blick von außen oft eingeschränkt – und damit auch die Wahrnehmung von Dynamik, Innovation und Strukturwandel.
Auch wenn sich die Wirtschaft nach der Pandemie langsamer erholt hat als erhofft, stabilisiert sie sich nun. Das aktuelle Wachstum von rund fünf Prozent liegt im angestrebten Bereich und wird von Dienstleistungen, Hightech und Exporten getragen.
Wo steht Chinas Wirtschaft heute?
Der Immobiliensektor schrumpft weiter. Doch andere Bereiche haben diese Lücke bereits weitgehend geschlossen. Die sogenannten neuen Produktivkräfte –also Hightech- und Zukunftsbranchen – gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Regierung verzichtet bewusst auf große Konjunkturprogramme und setzt stattdessen auf Strukturwandel. Das verlangsamt die Erholung, macht sie aber nachhaltiger.
China hat seine Reformen zuletzt beschleunigt. Warum?
Weil Beijing früh mit einer Rückkehr Donald Trumps gerechnet hat. Die Führung wollte vorbereitet sein und hat Reformen vorgezogen: mehr Offenheit, gleiche Regeln für privates, staatliches und ausländisches Kapital sowie den Aufbau eines integrierten Binnenmarkts. Viele Firmen sind nur regional oder im Exportgeschäft aktiv, das soll sich ändern.
Gleichzeitig öffnet sich China selektiv: vereinfachte Visa, leichtere Investitionen, offenerer Datenverkehr und niedrigere Zölle für viele Entwicklungsländer. Vieles davon ist ein Gegenentwurf zu einer sich abschottenden US-Wirtschaft.
Wie entwickelt sich das Verhältnis zu den USA?
Beide Länder bewegen sich auf eine «G2»-Struktur zu: zwei dominante Mächte mit klaren Interessenkonflikten, die gleichzeitig ein starkes Bedürfnis nach Stabilität haben.
China reagiert auf US-Beschränkungen zunehmend mit eigenen Exportkontrollen, etwa bei Germanium, Gallium oder seltenen Erden. Diese Rohstoffe sind für westliche Industrien zentral und stärken Chinas Verhandlungsposition. An der strukturellen Rivalität ändert das jedoch nichts.
Bei Schlüsselbranchen wie Batterien, Solarmodulen und E-Mobilität bleibt China führend. Warum können westliche Förderprogramme das nicht ausgleichen?
Weil viele Stärken Chinas strukturell sind. Die Industriepolitik ist langfristig ausgerichtet und konsistent. Infrastruktur, Forschung, Zulieferer und Ausbildung werden entlang gemeinsamer Ziele entwickelt.
Hinzu kommt ein ausgeprägter Unternehmergeist: Gründergeführte Firmen entscheiden schnell, gehen Risiken ein und profitieren von sehr vollständigen lokalen Lieferketten. Der auch heute bereits sehr große Binnenmarkt, hoher Wettbewerbsdruck sowie niedrigere Energie- und Logistikkosten sorgen für zusätzliche Dynamik. Diese Verzahnung von Politik, Industrie und Markt schafft ein Tempo, das sich mit Subventionen allein kaum erreichen lässt.
Was bedeutet das geopolitisch für Europa?
Europa ist wirtschaftlich eng mit China verflochten und technologisch stark von den USA abhängig. Und viele Schlüsseltechnologien für die Energiewende stammen aus China. Um in dieser Lage handlungsfähig zu bleiben, braucht Europa mehr eigene Stärke: mehr Innovation, eine aktivere Talentpolitik und eine verlässliche Industriepolitik.
Die USA sind politisch weniger berechenbar geworden, China gewinnt wirtschaftlich an Gewicht – und Europa steht dazwischen. Während die politische Debatte oft ideologisch geprägt ist, suchen hingegen viele europäische Unternehmen wieder mehr Austausch mit China.
Was kann Europa von China lernen, ohne sein politisches System zu übernehmen?
Die Konsequenz in der Umsetzung. China plant langfristig, setzt klare Prioritäten und verfolgt sie unabhängig von Wahlzyklen. Auch bei der Ausrichtung auf Zukunftsindustrien und der Förderung von Unternehmertum muss Europa aufholen.
Was treibt die chinesische Führung an – und wohin entwickelt sich das Land?
Das zentrale Ziel ist, den Wohlstand der Bevölkerung zu steigern. China ist gleichzeitig Hightech-Standort und Entwicklungsland: Mehr als 600 Millionen Menschen leben von rund 150 Franken pro Kopf und Monat. Deshalb stehen Modernisierung, technologische Unabhängigkeit und stabile Außenbeziehungen im Zentrum. Externe Konflikte will man vermeiden; der Blick richtet sich nach innen. Bis 2035 soll China wesentlich wohlhabender und technologisch eigenständiger sein.
70%
China baut 70 Prozent der seltenen Erden weltweit ab – und verarbeitet sogar 90 Prozent.
1.4Mrd.
Der chinesische Binnenmarkt umfasst 1,4 Milliarden Menschen, davon gehören rund 400 Millionen zur Mittelschicht.
120
Für 120 Länder ist China der grösste Handelspartner.
China – Wirtschaftsmacht mit Vorsprung
China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und verfügt über einen riesigen Binnenmarkt. In Schlüsselbranchen wie Batterien, Solarmodulen und E-Mobilität ist das Land führend. Eine langfristige Industriepolitik und hohe unternehmerische Dynamik beschleunigen Innovationen – trotz Herausforderungen wie demografischem Wandel und einem geschwächten Immobiliensektor.
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