News & Trends

Der Flaschenhals von morgen

Im Staub von Minen und in der Hitze von Raffinerien entscheidet sich, wie schnell die digitale Industrie wächst. Lithium, Nickel, Kobalt und Grafit geben das Tempo vor – Kupfer bestimmt den Takt. 

In einer Lithiumsaline in Chile verdunstet Sole in der Hitze der Atacama, bis ein konzentriertes Salzgemisch zurückbleibt. In Indonesien bewegen Bagger tonnenweise Nickelerz. Und in chinesischen Industriehallen werden Rohstoffe zu Batteriematerial, das später ein Elektroauto antreibt oder ein Rechenzentrum stabilisiert. Hier nimmt die digitale Industrie Gestalt an.

Vier sogenannte kritische Mineralien bilden das Herz moderner Batterien: Lithium, Nickel, Kobalt und Grafit. Ohne diese vier Materialien gibt es keine großflächige Elektrifizierung, keine mobilen Roboter und keine Speicher für erneuerbaren Strom.

«Und doch sind das Nischenmetalle», sagt der Geologe und Rohstoffinvestor Fabian Erismann. Heimlicher König der Elektrifizierung sei ein anderes Metall: Kupfer. «Ohne Kupfer steht die Welt still.» Lithium, Nickel, Kobalt und Grafit stecken in der Batterie – Kupfer leitet den Strom.

Die vier Stufen der Macht 

Rohstoffe entfalten ihr strategisches Gewicht nicht im Bergwerk allein. Erst entlang mehrerer Stufen entscheidet sich, wo Einfluss entsteht. 

1. Abbauen 

Lithium wird vor allem in Australien und in Südamerika gefördert, Kobalt überwiegend in der Demokratischen Republik Kongo, Nickel in großen Mengen in Indonesien. Der Abbau ist an bestimmte Standorte gebunden – und politisch heikel. Neue Minen entstehen nicht im Takt von Wahlperioden. «Zwischen Entdeckung und Produktionsstart liegen oft 10 bis 15 Jahre», sagt Erismann. Weder die USA noch China kontrollieren den Zugang zu den vier Rohstoffen vollständig. Doch China hat früh Beteiligungen gesichert und langfristige Lieferbeziehungen aufgebaut. Im Boden liegt Potenzial – was daraus wird, entscheidet sich später.

2. Verarbeiten 

Aus Erz oder dessen Konzentrat entsteht noch keine Batterie. Erst in Raffinerien werden die Rohstoffe chemisch so aufbereitet, dass sie sich in Batteriezellen einsetzen lassen. Genau hier liegt der Engpass: «Rund 95 Prozent dieser Wertschöpfungskette liegen in chinesischer Hand», so Erismann. Selbst in Australien und in Südamerika gefördertes Material wird häufig in Asien weiterverarbeitet. Wer diese Stufe kontrolliert, steuert Tempo und Preise.

3. Integrieren 

Integrieren Nach der Raffinerie ist der Rohstoff chemisch veredelt, aber noch kein Produkt. In der Fertigung entstehen daraus Batteriezellen, die in Serie verbaut werden. «Entscheidend ist, wer mehr aus dem Material macht», sagt Erismann. Wer Batteriezellen im eigenen Land fertigt, sichert Wissen und gewinnt Kontrolle über Lieferketten. China hat früh erkannt, wie wichtig dieser Schritt ist. Erismann nennt das «durch die Wertschöpfungskette hindurch denken». Einzelne Schritte müssen nicht profitabel sein; entscheidend ist das große Ganze. Europa und die USA betrachten die Kette oft isoliert.

4. Recyceln 

Recyceln Wenn Batterien ausgedient haben, lassen sich ihre Metalle zurückgewinnen und erneut nutzen. Das verringert Abhängigkeiten – allerdings mit Verzögerung. Die Nachfrage wächst schneller, als Altmaterial anfällt. Recycling stabilisiert das System, aber neue Minen ersetzt es nicht.

Der Faktor Zeit 

Der Wettbewerb zwischen den USA und China entscheidet sich weniger am Rohstoff als am Tempo, mit dem Projekte umgesetzt werden. Ein neuer Chip kann innerhalb weniger Jahre entwickelt werden, doch neue Förderprojekte benötigen lange Vorlaufzeiten – von der Erkundung bis zur ersten Tonne Material.

«Das Risiko liegt auf der Angebotsseite», sagt Erismann. «Wir verlassen uns heute auf alte Minen, die an Qualität verlieren.» Neue Projekte sind technisch anspruchsvoll und verschlingen Milliarden. Verzögerungen sind eher die Regel als die Ausnahme – und selbst nach dem Produktionsstart bleiben Fördermengen oft hinter Erwartungen zurück. Was das bedeutet? Neue Technologien entstehen schnell – neue Minen nicht. Ohne gesicherte Rohstoffe baut Fortschritt auf Sand.

Fazit: Wert entsteht nach dem Abbau

Rohstoffe sind nur der Anfang. Entscheidend ist, wo sie verarbeitet und zu Produkten werden. China hat diese Wertschöpfung früh ausgebaut. Die USA holen auf – doch die Verarbeitung liegt weitgehend in chinesischer Hand, und neue Minen brauchen viele Jahre, bis sie in Produktion gehen.


Am Ende entscheidet der Strom

Fabian Erismann, Portfolio Manager bei Earth Resource Investments, beleuchtet im Interview die Macht moderner Stromnetze.

Globalance View

Die Energiewende braucht Materialien: Batterien, Solar- und Windanlagen benötigen Metalle und Rohstoffe.

Effizienz wird zum Schlüssel: Recycling und bessere Nutzung reduzieren den Bedarf an neuen Ressourcen.

Globalance investiert in Kreislauflösungen: Unternehmen wie Umicore und Tomra sind mögliche Beispiele.

Gesamte Ausgabe entdecken

Lesen Sie jetzt weitere Artikel aus unserer aktuellen Ausgabe: «Der Wettlauf der Betriebssysteme?».

Seien Sie Teil der Lösung und bleiben Sie informiert mit dem Zukunftbeweger.

Jetzt abonnieren und die Zukunft gestalten!

Newsletter Formular

*“ zeigt erforderliche Felder an

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
Zustimmung NL*
Zustimmung Print